Schrubben bis zur Seele
Lebendige Bade-Tradition: Wo getratscht, gelacht und diskutiert wird. Der wöchentliche Hammam-Besuch ist für Marokkaner und Marokkanerinnen ein Fixpunkt im Alltag – und für jeden Gast ein absolutes Highlight.
Das öffentliche Badehaus ist nicht nur ein Ort der Entspannung. Des Rückzugs. Des Wohlgefühls. Sondern auch der Inbegriff der marokkanischen Kultur. Die oft in bunten Zellij-Kachelmustern oder Tadelakt gehaltenen Badeanstalten und Dampfbäder sind seit Jahrhunderten fixer Bestandteil des marokkanischen Lifestyles. Die Rituale des Hammams haben sich dabei kaum verändert und werden von Generation zu Generation weitergegeben.
Das Ritual beginnt in einem Dampfbad, in dem sich der Körper langsam an die Wärme gewöhnt. Die Poren öffnen sich und die Haut wird weich. Anschließend wird Savon Noir, eine traditionelle schwarze Olivenseife, auf den Körper aufgetragen, um die Haut intensiv zu reinigen und auf das Peeling vorzubereiten. Danach wird die Haut mit dem traditionellen Peeling-Handschuh Kessa gründlich abgeschrubbt, wodurch abgestorbene Hautzellen entfernt und die Durchblutung angeregt werden. Im Anschluss wird der Körper mit warmem Wasser abgespült und häufig mit Rhassoul, einer mineralreichen Lavaerde aus dem Atlasgebirge, gepflegt. Zum Abschluss wird die Haut mit wertvollen Ölen wie Arganöl verwöhnt, bevor man bei wohltuender Wärme und marokkanischem Minztee entspannt.
„Man schlug mir vor, ins Hamam zu gehen (…) Wir traten in ein weites, hohes Gebäude, in dessen Mitte ein Springbrunnen plätscherte (…) Ich verspürte nicht die geringste Versuchung, nur das kleinste Stück meiner Toilette abzulegen; überdies sah ich überhaupt keine Badewanne.“ General-Feldmarschall Helmut von Moltkes Schilderung seines ersten Besuchs eines Hammams liest sich zumindest anfangs eher skeptisch. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts war das Prinzip des orientalischen Bades hierzulande noch kaum bekannt, umso rätselhafter dürfte dem Preußen die Prozedur erschienen sein.
Doch die Skepsis wurde mit straffen Strichen ebenso sorgfältig und vehement weggewischt wie das anfängliche Unbehagen, das sich schließlich in reinstem Wohlbehagen auflöste. Und im Gefühl, „dass man noch nie gewaschen gewesen ist, bevor man nicht ein orientalisches Bad genommen hat.“
Sanfte Streicheleinheiten darf man sich in einem traditionellen Hammam, wie es von Einheimischen in Marokko besucht wird, nicht erwarten. Das Hammam ist ein tiefgehendes Reinigungsritual, das buchstäblich unter die Haut geht und Körper wie Geist erneuert. Nach der intensiven Reinigung fühlt man sich erfrischt, leicht und beinahe wie neugeboren.
Für viele Marokkanerinnen und Marokkaner ist der wöchentliche Hammam-Besuch ein fester Bestandteil des Alltags. Dabei geht es nicht nur um Reinigung und Entspannung, sondern auch um Begegnung und Gemeinschaft. In traditionellen öffentlichen Hammams eine lebendige Atmosphäre: Es wird gelacht, erzählt und diskutiert. Das Hammam ist somit nicht nur ein Ort der Pflege, sondern auch ein wichtiger sozialer Treffpunkt.
Der Besuch in einem traditionellen Hammam folgt festen kulturellen Regeln und Ritualen. In öffentlichen Hammams sind Frauen und Männer voneinander getrennt, wodurch eine ruhige und geschützte Atmosphäre geschaffen wird. In einem Frauenhammam arbeiten ausschließlich weibliche Kessalas, während in einem Männerhammam nur männliche Kessals tätig sind. Als Kessal beziehungsweise Kessala bezeichnet man die traditionellen Hammam-Masseure, die das Reinigungsritual durchführen.
Für Familien und Paare werden häufig private Hammam-Räume angeboten, in denen das Ritual gemeinsam und in entspannter Privatsphäre genossen werden kann.
Hinweis
Traditionelle marokkanische Hammams bestehen aus mehreren Räumen mit steigenden Temperaturen und einer Luftfeuchtigkeit von nahezu 100 %. Der Aufenthalt beginnt meist in einem warmen Raum mit etwa 30–35 °C, in dem sich der Körper langsam an die Wärme gewöhnt. Anschließend folgt der heiße Raum mit Temperaturen von etwa 40–50 °C, der das Schwitzen fördert und die Haut intensiv reinigt. Die wohltuende Wärme entsteht durch ein traditionelles Heizsystem in Böden oder Wänden und schafft die authentische, entspannende Atmosphäre eines klassischen Hammams. Um den Kreislauf zu unterstützen, empfiehlt es sich, vor und nach dem Hammam ausreichend Flüssigkeit zu trinken.
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